Das Kino der SFRJ (1945-1991) war eine der großen Filmindustrien Europas. Film machte einen wichtigen Teil der jugoslawischen (Pop-)Kultur aus; Innovation und Experimentierfreude waren dabei genauso wichtig wie Spannung und Unterhaltung. Herausragende jugoslawische Filme der Zeit wurden auf der ganzen Welt gezeigt und räumten zahlreiche internationale Preise ab. Auch heute sind Jugoslawiens Regisseure über die Grenzen der Region hinaus bekannt, unter ihnen Dušan Makavejev, Želimir Žilnik und Emir Kusturica.
WATCHING ★ YU gibt auch in diesem Semester an der Slawistik einen Einblick in das facettenreiche Kino Jugoslawiens.
Die Filme werden in Originalsprache (BKMS) mit englischen Untertiteln gezeigt.
Jeweils um 18:30 im Seminarraum 1.
16. April: Lepota poroka
Tradition trifft Versuchung: In einem abgelegenen Dorf des montenegrinischen Karsts lebt ein junges Ehepaar unter strengen Moralvorstellungen. Auf der Suche nach einem besseren Leben ziehen sie an die Adriaküste: Er arbeitet in der Saline, sie als Reinigungskraft in einem FKK-Camp. Zwischen nackter Realität und nackten Körpern gerät ihr Weltbild ins Wanken. Eine ebenso sinnliche wie provokante Studie über Begehren, Scham und kulturelle Identität, die tradierte Moralvorstellungen mit ungeschöntem Blick seziert und Fragen nach Geschlechterrollen, Freiheit und sozialer Zugehörigkeit stellt. Der Film wurde 2016 in die offizielle Liste der 100 bedeutendsten serbischen Filme aufgenommen und als Kulturerbe von großer Bedeutung unter Schutz gestellt. (1986, Regie Živko Nikolić, 105 Min.)
7. Mai: Zagrebačka škola crtanog filma
(mit einer Einführung von Nikica Gilić, Universität Zagreb)
Reduktion statt Disney: Die Zagreber Schule des Zeichentrickfilms revolutionierte in den 1960er-Jahren den Animationsfilm mit minimalistischer Grafik, schwarzem Humor und philosophischer Schärfe. Statt niedlicher Figuren und linearer Moralgeschichten entstanden hier visuell einfallsreiche, absurde, existenzialistische Miniaturen über Entfremdung, Konsum und moderne Gesellschaft. 1962 gewann Dušan Vukotić mit dem Kurzfilm Surogat den ersten Animations-Oscar außerhalb der USA – ein Meilenstein der Filmgeschichte. Eine von Nikica Gilić kuratierte Auswahl zeigt die Radikalität und die Besonderheiten dieser einzigartigen Bewegung. (ca. 90 Min.)
11. Juni: Ljubavni slučaj ili tragedija službenice PTT
Liebe, Lust und Lehrstunde: Ein Sexologe referiert über die Geschichte der Sexualität. Dann beginnt eine scheinbar banale Romanze: Die ungarischstämmige Telefonistin Izabela verliebt sich in den sanitären Kontrolleur Ahmed. Als dieser verreist, kippt die Beziehung – und eine nüchterne Polizeiuntersuchung rahmt die Geschichte fortan als Tragödie. Dušan Makavejev montiert Dokumentarisches, Ironie und Melodram zu einer Analyse von Sexualmoral, sozialistischer Moderne und männlicher Besitzlogik. Ein Schlüsselwerk der „Schwarzen Welle“, das Intimität als politisches Schlachtfeld entlarvt. (1967, Regie Dušan Makavejev, 70 Min.)
