Termin: Montag, 4. Mai 2026, 13:15 Uhr
Ort: Seminarraum 1, Institut für Slawistik
Der Vortrag widmet sich der tschechischen Popularisierung von Geologie und Paläontologie ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum stehen Jan Krejčí, der, Vater der tschechischen Geologie', der nicht nur die ersten Arbeiten des Fachs in tschechischer Sprache veröffentlicht, sondern auch schriftstellerisch und politisch tätig ist, und Antonín Frič, der innovative Formate zur Popularisierung der Paläontologie entwickelt. Krejčí wirkt an reich bebilderten geologisch-ethnographischen Landschaftsführern mit, dichtet eine Hymne an die Kohle und ein geologisches Trinklied für Exkursionen. Der Zusammenhang zwischen Erdgeschichte und industriellem Fortschritt schlägt sich nicht nur in seinem Hauptwerk 1877 in der Proklamation einer neuen geologischen Epoche nieder, dem „anthropokratischen Zeitalter", sondern auch in dem in seiner Heimatstadt Klatovy posthum errichteten Denkmal: Hier ragt eine dem Eiffelturm nachempfundene Säule aus einem Grabhügel mit repräsentativen Gesteinsarten hervor. Frič ist maßgeblich an der Modernisierung des von ihm als „Volksuniversität" konzipierten Böhmischen Museums (heute Nationalmuseum) in Prag beteiligt. 1871 gibt er bei einem Landschaftsmaler die Geologischen Bilder der Urzeit Böhmens in Auftrag, die als Beginn der tschechischen Paläokunst gelten können – visuelle Rekonstruktionen wasserreicher Landschaften mit Flora und Fauna, die durch ihre konkrete Lokalisierung von Kohlelagerstätten die Identitätskonstitution Böhmens als Industrienation reflektieren. Sie werden ab 1875 im Geologischen Museum, einem umfunktionierten Pavillon der Wiener Weltausstellung 1873, präsentiert. Der Vortrag zeigt, wie Wissenschaftspopularisierung zur Zeit der nationalen Wiedergeburt im imperialen Kontext neue kulturelle Vermittlungsformen produziert.
Der Gastvortrag findet im Rahmen der neuen Veranstaltungsserie "CarbonCulturesxCE" statt, in der Verflechtungen zwischen Kultur und fossilgestützer Energie in Mitteleuropa in den Mittelpunkt rücken. In Vorträgen, Lesungen, Performances und anderen Veranstaltungsformaten werden Wurzeln und Auswüchse der mitteleuropäischen Petromoderne erkundet.
Die Veranstaltungsserie wird von Ass.-Prof. Dr. Anna Seidel vom Institut der Slawistik in Kooperation mit dem Vienna Anthropocene Network organisiert.
Mehr Informationen über CarbonCulturesxCE finden Sie hier:
https://carboncultures.univie.ac.at/ "
Univ.-Prof. Mag. Dr. Stefan-Michael Newerkla
Leiter des Instituts für Slawistik
Univ.-Prof. Dr. Stephan Müller
Dekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien
