Anlässlich der Veröffentlichung seines Romans „Wiener Roman“ („Bečki roman“) laden wir zum Gespräch mit dem serbischen Schriftsteller Dragan Velikić ein. Die Abhaltung einer Vielzahl an Lesungen und Podiumsdiskussionen sowie das Erscheinen zahlreicher Buchbesprechungen in sämtlichen Ländern, die vormals Teil Jugoslawiens waren, und die Herausgabe neuer Auflagen des Buches legen bereits jetzt den Rückschluss auf einen großen Erfolg nahe. Dies ist die erste Präsentation in Wien, dem Ort der Romanhandlung, und zugleich die erste Präsentation auf Deutsch.
Anwesend:
Der Autor: DRAGAN VELIKIĆ
Die Übersetzerin: Mascha Dabić
Einleitung und Moderation: Gordana Ilić Marković, Institut für Slawistik, Universität Wien
Ort: Universitätscampus, Spitalgasse 2, Hof 3, 1090 Wien
Institut für Slawistik, Seminarraum 1 (Erdgeschoss)
Zeit: 20. Mai 2026 um 18:30 Uhr
Wie in seinen bisherigen, den deutschsprachigen Leser:innen wohl bekannten Romanen stellt Velikić auch mit dieser Veröffentlichung die mitteleuropäische Mentalität auf den Prüfstand. Dennoch unterscheidet sich dieses Werk im Hinblick auf die Motivation, es zu schreiben, und im Hinblick darauf, wie nahe der Autor zum Thema steht.
Die Geschichte handelt vom Absturz des jungen Wiener Arztes Pavle Marić in den Abgrund des Justizsystems und der gesellschaftlichen Bewertungen. Während der langen Zeit der nervenaufreibenden und verzweifelten Bemühungen, dem zu Unrecht beschuldigten Sohn zu helfen, versucht der Vater, ihm einen Rettungsring zuzuwerfen, und taucht dabei immer tiefer in die gesellschaftlichen Strömungen und in die eigene Familie als ihren Nukleus ein. Er verknüpft die feinen Fäden des Familienlebens miteinander, dabei ist er selbst unsicher, welche davon noch halten können und welche längst zerrissen wurden. Mit dieser filigranen Technik taucht er in die Frage der Verantwortung der Familie ein, insbesondere seiner eigenen Rolle darin. In der fesselnden Geschichte kommen die staatlichen und juristischen Anomalien nicht zu kurz. Der Versuch des Individuums, dem erlittenen Unrecht entgegenzuwirken, indem man alle verfügbaren Seile des Lebens gleichmäßig und vorsichtig spannt, erweist sich als zwecklos. Die gefährlichen Strecken sind immer erst im Nachhinein zu erkennen.
Dies ist ein Roman, der sich gleichermaßen mit Familie und Gesellschaft auseinandersetzt. Es ist eine persönliche Geschichte, die dank der schriftstellerischen Begabung des Autors zur literarischen Fiktion wurde. Als solche wird sie ihre realen Akteure überdauern und als literarisches Werk bestehen bleiben.
Dragan Velikić
Er veröffentlicht Erzählbände, Essays und Romane. Seine Bücher wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt und weltweit veröffentlicht.
Werke in deutscher Übersetzung
- Dante-Platz. Roman. Übersetzung Bärbel Schulte. Klagenfurt: Wieser, 1999
- Via Pula. Roman. Übersetzung Astrid Philippsen. Klagenfurt: Wieser, 1991
- Das Astragan-Fell. Roman. Übersetzung Astrid Philippsen. Klagenfurt: Wieser, 1992
- Der Fall Bremen. Roman. Übersetzung Bärbel Schulte. Berlin: Ullstein, 2002
- Lichter der Berührung. Roman. Übersetzung Bärbel Schulte. Berlin: Ullstein, 2005
- Dossier Domaszewski. Roman. Übersetzung Bärbel Schulte. Hamburg: Marebuchverl., 2004
- Der Zeichner des Meridian. Roman. Übersetzung Bärbel Schulte. Klagenfurt: Wieser, 1994
- Die Stimme aus der Erdspalte – Essays
- Das russische Fenster. Roman. Übersetzung Bärbel Schulte. München: Dt. Taschenbuch-Verl., 2008
- Montevideo. Theaterstück. Übersetzung Mascha Dabić. Unveröff.; Uraufführung 24. November 2012 Kulturbahnhof Andelsbuch durch teatro-caprille.
- Bonavia: Roman. Übersetzung Brigitte Döbert. München: Hanser Berlin, 2014
- Jeder muss doch irgendwo sein. Roman. Übersetzung Mascha Dabić. München: Hanser Berlin, 2017
In vielen deutschsprachigen Auswahlbänden findet man Essays und Erzählungen von Dragan Velikić, u. a.:
- Wohin und zurück. In: Freimut Duve, Nenad Popovic: Verteidigung der Zukunft Suche im verminten Gelände. Wien, Bozen 1999.
- Den anderen zulassen. In: Richard Swartz: Der andere nebenan. Eine Anthologie aus dem Südosten Europas. Frankfurt am Main 2007.
- Serbien: „Vorher“ und „Nachher“ – Intellektuelle unter Milošević. In: Jens Becker, Achim Engelberg (Hrsg.): Serbien nach den Kriegen. Frankfurt am Main, 2008.
